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„WHEN ANIMALS DREAM ist sehr viel mehr Fabel oder magischer Realismus als wirklicher Horror.“
INTERVIEW mit Jonas Alexander Arnby (Regie)


Warum haben Sie sich entschieden einen Nordischen Horrorfilm als Erstling zu wählen?

Es war nie meine Absicht, einen herkömmlichen Horrorfilm zu machen. Häufig ist das Horrorgenre sehr eindimensional und konzentriert sich zu stark auf die äußere Handlung: Was man auf der Leinwand sieht, ist alles, was es zu entdecken gibt. Drehbuchautor Rasmus Birch und ich wollten vor allem einen Film über das Erwachsenwerden machen – ein realistisches Porträt einer jungen Frau, die unter ungewöhnlichen Umständen in einer abgeschiedenen Gemeinde lebt und die wir im Film treffen, als sie sich gerade zur erwachsenen Frau entwickelt. Ihre dunkle Seite nimmt Besitz von ihr und sie verliert ihre Unschuld.


Die tatsächliche Prämisse von WHEN ANIMALS DREAM ist die innere Handlung. Wir haben uns auf die persönlichen Beziehungen und die psychologischen Interaktionen zwischen den Schlüsselfiguren des Films konzentriert. Wir wollten sehen, wo unsere Hauptfigur Marie landen würde, nachdem sie den Zwängen und Erfahrungen ausgesetzt worden war, die ihre Erlebnisse mit sich bringen.


Es ging uns niemals darum, Horror um des Horrors Willen zu erschaffen. Stattdessen verlangt die Geschichte, dass der Plot eine Wendung hin zum Unheimlichen nimmt. Der Film ist in dieser Hinsicht sehr viel mehr Fabel oder magischer Realismus als wirklicher Horror. Davon abgesehen habe ich ein persönliches Faible für Horror und viele Inspirationen aus visuell schaurigen Filmen wie Brian De Palmas CARRIE oder Debra Graniks WINTER'S BONE gesogen.


Was bewegte Sie dazu, eine vollkommen unbekannte Darstellerin für die Hauptrolle zu wählen?

Nachdem wir uns einmal für das abgeschiedene Fischerdorf als Handlungsort entschieden hatten, war es wichtig, jemanden für die Hauptrolle zu finden, der zu dieser kontrastreichen, windzerzausten und in sich geschlossenen Welt passte. Wir wollten die Rolle mit einem Mädchen besetzen, das sowohl stark und unabhängig, gleichzeitig aber ein glaubwürdiger Teil dieser Umgebung war. Wir suchten deshalb nach jemandem, der in diesem Umfeld aufgewachsen war und sich in ihr zuhause fühlte. Sie sollte nicht eingeschüchtert sein von der Aussicht darauf, dass sie Fische ausnehmen würde, weshalb wir kein Stadtmädchen mit Café-Latte-Gepflogenheiten wollten. Wir hielten eine Casting-Runde auf der Insel Mors ab. Und von dem Moment an, in dem ich Sonia Suhl traf, wusste ich, dass sie außergewöhnlich war. Sonia hat diese unglaubliche Ausstrahlung und dieses Erscheinungsbild, dem keines der anderen Mädchen bei den Testscreenings entsprechen konnte. Sie ist Marie. Sonias Stärke ist ihre Fähigkeit, Gefühle ohne Worte ausdrücken zu können. Sie verkörpert förmlich ihre wortkarge Umgebung. Man muss nur in ihr Gesicht schauen, um zu wissen, was in ihr vorgeht.


Sie besitzt in ihrem Auftreten und in ihrer Art etwas Mystisches, Vieldeutiges und extrem Verführerisches. In einem Moment sieht sie wie der typische dänische Teenager aus, im nächsten ist sie feminin, zerbrechlich und traumgleich, wieder im nächsten ist sie beinahe androgyn oder tiergleich in ihrem Erscheinen.

Nachdem wir Sonia entdeckt hatten, mussten wir herausfinden, ob sie einer solch großen Rolle gewachsen war. Marie ist in beinahe jeder Szene zu sehen. Selbst eine erfahrene Darstellerin hätte das als Herausforderung gesehen. Während den Drehvorbereitungen entschlossen wir uns dazu, eine Szene aus dem Drehbuch umzusetzen und dachten, es wäre eine gute Idee, Sonias Grenzen auszutesten. Wir mussten wissen, ob sie irgendwelche Probleme haben würde, die sie von ihrer Rolle ablenken würden. Also setzten wir sie nackt in einen Raum und gossen literweise Kunstblut über sie, während wir ihr sagten, sie solle so laut wie möglich schreien. Es war so viel Blut um sie herum, dass sie zu hyperventilieren begann; aber nachdem wir ihr eine Banane gegeben hatten war das besser. Das klingt vielleicht hart, aber Sonia war erst 18 Jahre alt und wenn sie die Last des gesamten Films schultern sollte, wollten wir sicher sein, dass sie dem gewachsen war. Wenn sie die blutige Nacktszene als Zumutung empfunden hätte, wäre uns sofort klar gewesen, dass ihr der Film zu viel geworden wäre. Es sind genau diese Situationen, die Profis von Amateuren unterscheiden.


Sonia hatte nie Angst, ihre eigenen Grenzen auszutesten. Sie näherte sich der Rolle mit unglaublicher Hingabe, war vollkommen gegenwärtig und lernwillig.


Was ist die Bedeutung des Titels WHEN ANIMALS DREAM?

Ich liebe diesen Titel. Er besitzt einen poetischen Klang. Der Titel bezieht sich natürlich darauf, dass Marie und ihre Mutter von einem anderen Leben träumen als dem, das sie führen. Sie träumen davon, sie selbst zu sein und nicht von der kleinen Gemeinschaft, in der sie leben, unterdrückt zu werden. Es verbirgt sich auch ein Element der Gefahr im Titel, da Tiere meist an etwas leiden, wenn sie träumen. Es gibt ein Sprichwort darüber, dass man ein träumendes Tier niemals wecken soll – etwas könnte schrecklich schief gehen.


Was hätten Sie gerne, dass das Publikum aus Ihrem Film mitnimmt?

Meine Hoffnung ist es, dass sich die Zuschauer das Märchenhafte und die Umgebung zu Eigen machen und sich auf die Geschichte eines Mädchens einlassen, das an einem Punkt in seinem Leben ist, an dem es keine andere Wahl hat, als das Tier in sich von der Leine zu lassen. Inmitten all der Gewalt ist es im Grunde genommen eine wunderschöne und atemberaubende Geschichte und ich hoffe, dass sich auch ein junges Publikum davon angesprochen fühlt. Natürlich will ich, dass sich die Zuschauer unterhalten fühlen, aber am wichtigsten ist es, dass sie sich auf die Geschichte einlassen. Das bedeutet dann nämlich, dass es uns gelungen ist, eine glaubwürdige Welt zu erschaffen, was von Beginn an eine meiner persönlichen Motivationen war.

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